In jüngerer Zeit beunruhigen Meldungen über Massenentlassungen bei den großen U.S. Tech-Firmen – allen voran Microsoft, Meta, Alphabet und Amazon. Aber auch bei SAP, Zalando, IBM und Accenture trennt man sich von einer größeren Mitarbeiteranzahl. Parallel dazu wird seit Jahren vom Fachkräftemangel im IT-Bereich berichtet. Wie passen diese widersprüchlich wirkenden Meldungen zusammen?
In den ersten Pandemie-Jahren lief es für die meisten Big-Tech-Firmen rosig: Viele Menschen blieben zuhause, streamten, bestellten online und verbrachten enorm viel Zeit am Bildschirm. Dies bescherte den Tech-Riesen Traumgewinne und massiv gesteigerte Einstellungszahlen.
Doch mit der Normalisierung des Alltags und trüben Zukunftsaussichten durch hohe Inflation und Rezessionssorgen gehen die Einnahmen aus Online-Verkäufen und Werbung zurück. Unternehmen investieren weniger in IT-Projekte.
Trotz dieser Entlassungen ist die Gesamtzahl der Mitarbeiter im Vergleich zu den Vorpandemiejahren oft noch gestiegen – die aktuelle Korrektur ist gewissermaßen eine nachträgliche „Wachstumskorrektur nach unten".
Die aktuelle Stagnation im Startup-Sektor ist auf die getrübten Zukunftsaussichten und steigende Zinsen zurückzuführen. Investoren halten sich zurück – nach Rekordjahren fließt weniger Risikokapital. Prominente Beispiele: Klarna entließ 2022 zehn Prozent der Belegschaft, hierzulande folgten N26, Delivery Hero und Gorillas.
Im ersten Halbjahr 2023 haben Firmeninsolvenzen laut WirtschaftsWoche um etwa 18 % zugenommen – auch in der IT-Branche. Doch bei näherer Betrachtung wird zweierlei deutlich:
Ein Vertreter der Kommission Kreditversicherung im GDV wird zitiert: Die aktuelle Situation sei „allerdings keine Insolvenzwelle, sondern eine Normalisierung nach Jahren mit ungewöhnlich wenigen Insolvenzen".
Anders als bei Big-Techs und Startups sah die Situation bei den großen IT-Dienstleistern in Deutschland zuletzt positiver aus. Da die Themen der Digitalen Transformation weiterhin weit oben auf der Agenda stehen, haben alle großen IT-Dienstleister 2022 laut Lünendonk sowohl an Umsatz als auch Mitarbeiterzahlen zugelegt und stellen weiterhin Personal ein.
Aus der Entwicklung in anderen Ländern und Branchen kann nicht direkt auf die Situation in Deutschland geschlossen werden. Die IT-Branche hierzulande ist anders strukturiert – mit einem größeren Anteil an Mitarbeitern in Kleinunternehmen. Strategische Fehlentscheidungen einzelner Unternehmen wirken sich somit nicht auf eine so hohe Zahl an Beschäftigten aus wie in den USA.
Laut einer Studie von freelancermap ist die Auftragslage bei IT-Freelancern positiv, mit weiter steigenden Stundensätzen. Die Stimmung ist etwas gedämpfter als 2022, aber weiterhin überwiegend positiv. Bemerkenswert: Auch der Betrachtungszeitraum und das „Timing" eines Artikels spielen eine wichtige Rolle bei der Interpretation von Daten.
Ganz weit oben auf den aktuellen IT-Projekt-Agenden stehen KI, Cloud-Transformation, IT-Modernisierung und Softwareentwicklung. Der Fachkräftemangel muss differenzierter betrachtet werden: Die Qualifikationen, nach denen gesucht wird, haben sich verändert. Cloud-Entwickler, Data-Scientists und IT-Security-Spezialisten sind heute die Most-Wanted.
Im Gegensatz dazu wird der Bedarf an Anwendungsspezialisten in manuellen Backoffice-Prozessen eher sinken – durch RPA-Technologien und KI-gestützte IT-Systeme. Gerade im IT-Sektor gilt daher die konsequente und lebenslange Bereitschaft, neugierig zu bleiben, zu lernen und sich weiterzuentwickeln als Schlüssel.
Also alles rosig für die IT-Branche? Ein klares Jein! Die unsichere Wirtschaftslage geht auch an der IT-Branche nicht spurlos vorbei. Dennoch wird die digitale Transformation weiterhin in allen Lebensbereichen anhalten und IT-Spezialisten benötigen.
Die nahe Prognose für die IT-Branche sieht – zumindest in Deutschland – deutlich besser aus, als einige alarmierende Berichte auf den ersten Blick erscheinen lassen. Es bleibt wichtig, Kennzahlen, Daten und „Fakten" zu hinterfragen, objektiv richtig einzuordnen und den Kontext korrekt zu beleuchten.
Quellen: Tagesschau – Fachkräftemangel IT · Heise – Big-Tech-Massenkündigungen · WirtschaftsWoche – Insolvenzen · bitkom – ITK-Marktdaten · Destatis – Insolvenzen 2023
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